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Ethan Zuckerman: How to listen to global voices, ein Appell an unseren Intellekt

Heute in der ‘Süddeutschen Zeitung’: ein übersetzte Rede von Ethan Zuckerman, dem Gründer des Blog-Netzwerks ‘Global Voices’. Im Kern handelt es sich um die Rede von Zuckerman auf der TED2010 in Oxford zum Thema ‘wieso die Internet-Welt nicht so global ist, wie sie sein könnte’. “Im Kern” darum (es wird insistiert, dass es sich um ein übersetztes Transkript handelt), weil die Übersetzung gespickt ist mit kleineren Hinweisen, warum Print eigentlich besser ist und dass es so im Internet ja nicht weitergehen könne.

Zuckermans Rede auf der TED

Die Rede von Zuckerman hatte natürlich eine eher andere Aussage, die am Ende des Videos gefunden werden kann. Es geht darum, dass, und hier will Zuckerman wahrscheinlich sein eigenes Projekt auch ein bisschen promoten, sich das Kommunikationsverhalten der Menschen im Internet nicht so verändert hat, wie es vorausgesagt wurde. Bezug nimmt er z.B. auf ein Buch aus den Anfängen des Internet, das voraus sagt, dass heute Bits deutlich mobiler sein würden als Atome. Das sei nicht der Fall: bedingt würde das durch die eingeschränkte Wahrnehmung der Menschen im Netz in Bezug auf andere Kulturen. Diese eingeschränkte Wahrnehmung sei zurückzuführen auf

  1. Suchmaschinen, die einem nur zeigen, was man sehen will und nicht was man sehen sollte,
  2. fehlendes Interesse den eigenen Horizont zu erweitern,
  3. Menschen Informationen nicht hinterfragen.

Ein kurzer Kommentar

Ich möchte dazu einen kurzen Kommentar abgeben. Über die Süddeutsche brauchen wir uns gar nicht zu unterhalten. Klar, das ist ein gutes Medium, vielleicht ein bisschen konservativ im Hinblick auf die gewünschte Medienlandschaft, aber dennoch – geschenkt. Allerdings denke ich auch, dass Ethan Zuckerman, vielleicht bewußt, einen Fehler einbaut oder nicht korrigiert, vielleicht auch einfach nicht bedenkt, der essentiell ist.

Neue Verbreitungsformen = neuer Anspruch

1. Der Sinn von Suchmaschinen war nie, des Menschen Horizont zu erweitern. Der Sinn von Suchmaschinen ist einem Menschen Zugriff auf das zu geben, was er im Internet sucht. Dass diese Suchalgorithmen vielleicht nicht optimal sind steht auf einem anderen Blatt. In dem Zusammenhang empfehle ich den Begriff “semantisches Web”.

Suchmaschinen sollen nicht die Welt verbessern oder Menschen helfen cross-cultural zu kommunizieren, gegenseitig Medien aufzugreifen und zu kommentieren oder auch nur zu konsumieren: Suchmaschinen sollen, und das ist erklärtes Ziel, dem größten Teil der Menschen mit der größtmöglichen Wahrscheinlichkeit das zeigen, was sie höchstwahrscheinlich gesucht haben.

Dass es trotzdem möglich ist per Suchmaschine fremde Inhalte zu finden und diese wahrzunehmen läßt Zuckerman außen vor. Vielmehr beschränkt er sich darauf zu sagen, dass Suchmaschinen und neuere Entwicklungen wie Twitter den Menschen dazu verleiten, nur innerhalb seines eigenen Kulturkreises zu kommunizieren, anstatt sich zu interkulturell zu vernetzen. Damit komme ich zum zweiten Punkt.

2. Menschen, die ihren Horizont nicht erweitern wollen, gab es schon immer. Das Internet ermöglicht diesen Menschen nur, sich jetzt auch online zu betätigen. Was ist passiert? In den Anfängen des Internet schien noch alles gut: nur wenige Menschen, meist Intellektuelle, z.B. Forscher, hatten überhaupt die Möglichkeit sich in diesem neuen globalen Raum zu bewegen. Die Möglichkeiten, die sich aus direkter, interkultureller und interkontinentaler Kommunikation ergeben sollten, waren kaum zu erahnen.

Daraus entwickelte sich eine vielleicht falsche Hoffnung, nämlich dass jeder, sobald er nur die Möglichkeit hatte das Internet zu nutzen, es genauso wie diese ersten Internet-Nutzer verwenden würden: für einen globalen Austausch von Informationen. Beflügelt wurde das durch Projekte wie wikipedia, eine globale, babelhafte Wissensplattformen, etwas das besser als jede Bibliothek das Menschheitswissen archivieren würde und damit die Menschheit als ganzes in ganz neue intellektuelle Höhen erheben würde.

Nur die Verhältnisse ändern sich

Eine entscheidende Entwicklung wurde dabei außer Acht gelassen: mit der Verbilligung der Internet-Anbindung und jetzt seit neuestem sogar der staatlichen Garantie von Internetzugängen in einigen Ländern, geht einher, die Menschen online kommen, die einfach nur kommunizieren, sich über lokale, vielleicht sogar regionale Dinge informieren und – seit neuestem – für sich entdecken, dass sie ihre Meinung sagen können.

Es kommen plötzlich Menschen online, die nie intellektuell sein wollten, die nie die Absicht hatten ihren Horizont zu erweitern oder das Internet sonstwie für ihre persönliche Weiterbildung nutzen wollten: Menschen wie du und ich, die sich nur übers Wetter, Fußball und Promis informieren. In aller Kürze: der typische Bild-Leser ist jetzt auch online. “Was? Ich bin drin? So einfach ist das?” Ja, so einfach ist das heute und zunehmend einfacher wird es, nicht einfach nur drin zu sein, sondern auch etwas beizusteuern. 24 Stunden Videomaterial neu auf youtube jede Minute? Wow, aber größtenteils irrelevant. Niemand will das angucken. Natürlich kommen Informationen dazu, das Internet wird größer, vermüllter und unübersichtlicher – aber ist das Internet daran schuld?

Das Internet in seiner heutigen Form ist ein Spiegel unserer Gesellschaft

Ich denke nicht, denn damit komme ich zu meinem Hauptpunkt. Das Internet ist heute ein Abbild unserer Gesellschaft. So wie sich vielleicht 70-80% der Menschen nur für sich selbst interessieren, so interessieren sich heute auch im Internet 70-80% der Menschen für sich selbst. Wie sich in der echten Welt früher 20-30% beiläufig für Informationen interessieren, die woanders in der Welt passieren und dafür die anspruchsvolleren Medien konsumiert haben, so ist es jetzt im Internet auch. Und wo sich in der realen Welt nur 1% der Menschen für andere Kulturen und deren Wahrnehmung von der Welt interessiert haben, so ist es jetzt im Internet auch (die Zahlen sind erfunden und dienen nur der Veranschaulichung der Verhältnisse).

Aber man muss beachten, dass es im Internet früher anders war: auf Grund teurerer Zugänge haben sich vielleicht 70-80% der im Internet aktiven Menschen für das interessiert, was woanders in der Welt passiert und dafür, wie diese anderen Teile der Welt diese Vorgänge wahrnehmen. Mit zunehmender “Ver-Volk-ung” des Internet ändern sich die Verhältnisse, obwohl absolut noch genauso viele oder sogar mehr Menschen interessiert sind, und der Schluß wird gezogen, dass die neuen Medien uns verdummen und geistig beschränken.

Dabei ist wahrscheinlich genau das Gegenteil der Fall: statt Verdummung ist es möglich leichter an Informationen zu kommen, man muss nur die Augen aufmachen. Die eben angesprochenen absoluten Zahlen haben sich also sehr wahrscheinlich schon gesteigert, allein wenn man die Entwicklung des intellektuellen Teils der Blogosphäre betrachtet, ist kaum ein anderer Schluß zu ziehen.

Verdummt das Internet? Oder wird die Online-Gesellschaft sogar klüger?

Somit läßt sich festhalten: nicht die neuen Medien sind schuld, dass die Menschen verdummen. Eine Verdummung findet gar nicht statt. Mit zunehmender Popul(ä/a)risierung des Internet ändern sich nur die Verhältnisse. Und im Gegenteil: für das oben angesprochene eine Prozent von wirklich interessierten Menschen ändern sich die Möglichkeiten ihrem Interesse nachzugehen und andere Menschen zu begeistern. Twitter, anders-sprachige Suchmaschinen, Verbindungen zu Menschen in generell eher abgeschnittenen Bereichen der Welt, Blogs und neue Verbreitungsformen für Informationen tragen dazu bei, dass sich interessierte Menschen besser als jemals zuvor informieren können und ihren Blick weiter und schneller mit höherer Effizienz schweifen lassen können um dann als Multiplikatoren daheim aufzutreten und die 20-30% an Menschen zu erreichen, die sich nur beiläufig interessieren.

Die neuen Verbreitungsformen in Frage zu stellen, weil sie zunehmend auch von Menschen mit geringerem Anspruch an die Qualität der Informationen genutzt werden, halte ich für den falschen Weg. Die Frage muss lauten: wie erreiche ich diese Menschen, die die Kanäle sogar schon nutzen, aber nur um nach dem zu suchen was sie schon wissen, nicht nach dem, was sie wissen sollten?

YouTube – Ethan Zuckerman: How to listen to global voices.



Von in Blog am 23. Juli 2010 mit den Schlagwörtern: , , mit 3 Kommentaren »

  1. otto sagte am 10. August 2010 #

    wow! nice!!!

  2. Horst sagte am 11. August 2010 #

    nice!

  3. Helmut sagte am 18. August 2010 #

    :-) cool!


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