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Über die Pflicht als Politiker Englisch zu sprechen, oder: Guido die Erste.

Nach der Ablehnung Guido Westerwelles am 28.09.09, auf einer Pressekonferenz eine Frage auf Englisch zu beantworten, diskutiert Deutschland nun über seine Eignung als Außenminister.

Wenn man sich Kommentare und Stellungnahmen zu diesem Vorkommnis durchliest, wird sein Verhalten überwiegend kritisiert. Wirft man dann aber einen Blick auf den Autor, wird recht schnell klar, warum Herr Westerwelle mangelnde Englischkenntnisse nachgesagt werden. Es sind zumeist Autoren, welche seiner politischen Meinung nicht besonders nahe stehen. So veröffentlichte Cem Özdemir (Grüne) ein Video auf Youtube, in welchem er die Welt um Entschuldigung für Herr Westerwelles Auftreten bat. Muss dieses Verhalten entschuldigt werden? Sicher ist es für einen Vertreter Deutschlands, insbesondere wenn er sich auf internationalem Parkett bewegt wie der potentielle Außenminister Guido Westerwelle, unabdingbar Englischkenntnisse vorweisen zu können. Als langjähriger Politiker ist Herrn Westerwelle diese Fähigkeit nicht abzusprechen.

Warum verweigert Westerwelle die englische Sprache?

Warum verweigert der potentielle Außenminister die Antwort in einer Weltsprache? Die Antwort liegt auf der Hand. Es ist bei weitem nicht der Fall, dass jeder in Deutschland Englisch verstehen und sprechen kann.

Guido Westerwelle ist aber zukünftig gewählter Vertreter des deutschen Volkes. Er würde also nicht wenigen Wählern die Chance nehmen, seine Arbeit als parlamentarischer Vertreter zu überprüfen, was Aufgabe eines jeden Wählers ist. Kritiker dieser Ansicht werfen an dieser Stelle ein, es könne eine Übersetzung der englischen Antwort ins Deutsche geben. Doch genau das ist das Problem. Wähler müssen ihre Vertreter ohne Umweg über einen Übersetzer verstehen und kontrollieren können, wenn auch nur um Übersetzungsfehlern vorzubeugen.

Hinzu kommt, das Deutsch in Deutschland Amtssprache ist. In der Pressekonferenz zur künftigen deutschen Außenpolitik sprach er ein für alle Bürger relevantes Thema an, besonders in Zeiten des Vertrages von Lissabon. Dieser eint Europa weiter nach Innen wie Außen. Ein Widerspruch zur vorherigen These? Keineswegs. Die Europäische Union soll seit jeher ein Zusammenschluss von Staaten sein, welche nicht wie seinerzeit in den USA ihre Kultur zu Gunsten einer anderen aufgeben.

Die Europäische Union selbst ist ein von besonders Frankreich und Deutschland gemeinsam vorangetriebenes Projekt. Englisch stellt in Europa keineswegs eine für Muttersprachler wichtige Sprache dar. Wie Westerwelle anmerkte wird Englisch im Vereinigten Königreich jedoch sehr wohl als verpflichtend für jeden Ausländer angesehen, obwohl es keineswegs die meistgesprochenste Sprache Europas ist.

Ein Reporter der BBC, des ehemaligen britischen Staatsfernsehens, wahrscheinlich Auslandskorrespondent, stellt seine Frage trotzdem auf Englisch. Wie aus dem Kontext der meisten Videomittschnitten nicht zu entnehmen ist, wurde dessen Frage jedoch bereits zuvor auf deutsch beantwortet. Daran ist erkennbar, dass der Reporter keinerlei Fähigkeiten der deutschen Sprache nachweisen kann. Er selbst soll jedoch für ein ganzes Land einen Einblick in das politische Geschehen des größten Europäischen Staates geben. Da ist Zweifel an der nötigen Einsicht des Reporters ins deutsche Alltagsgeschehen angebracht.

Nicht zu guter Letzt spricht aus dieser Kritik an Herrn Westerwelles Zurückweisung der englischen Frage auch der deutsche Selbstzwang zur Weltoffenheit. Dies ist eine deutsche Spezialität. Kein anderes Volk kauft vor einer Auslandsreise so fleißig Einführungsbücher in die Sprache des Urlaubslandes. Bevor ein Deutscher an der Adria eine Kugel Eis auf deutsch bestellt (was der Eisverkäufer in der Regel versteht), müht er sich lieber ab in seinem Büchlein die italienischen Worte nachzuschlagen. Welche dann meisten aber so schlimm klingen, dass der italienische Verkäufer sie ohnehin nicht versteht. Dieses Verhalten wäre z.B. bei einem Franzosen niemals beobachtbar.

Deutsche scheinen mit ihrer eigenen Sprache und Identität selbst über sechzig Jahre nach Kriegsende noch Probleme zu haben. Vergessen scheint, dass Deutsch auch die Sprache großer Weltliteratur ist.

Deutschland sollte zu dem werden, was es aus Sicht anderer Länder ist – ein Land mit eigener Kultur und Sprache – auf die man stolz sein kann und die man nicht durch ein gebrochenes Englisch ersetzen darf.



Von Tobias LowenTobias Lowen in Blog am 6. Oktober 2009 mit den Schlagwörtern: , , , mit 10 Kommentaren »

  1. XY sagte am 6. Oktober 2009 #

    Stimmt schon. Deutschland hat sowieso zu wenig Nationalstolz – da muss sich mal was ändern. Und wenn Westerwelle auf Grund mangelnder Englisch-Kenntnisse versucht ein starkes, stolzes Deutschland zu etablieren, ist das immerhin ein Anfang.

  2. pell sagte am 6. Oktober 2009 #

    Das “Problem” ist weniger, dass Westerwelle deutsch sprechen wollte, sondern seine sehr fragewürdige Art, darauf hinzuweisen. Während der BBC-Journalist bereits den Dolmetscher zur Seite stellte, faselte Westerwelle weiter über die deutsche Sprache und ob man mal Tee trinken könne.

  3. Tobias Lowen sagte am 6. Oktober 2009 #

    Wie gesagt, ich sehe in seiner Verwendung des Deutschen nicht den Grund mangelnder Englischkenntnisse, vielmehr jedoch den Versuch Deutschland als ebenbürtige Nation zu präsentieren, welche keineswegs verpflichtet ist Englisch zu sprechen.

  4. XY sagte am 6. Oktober 2009 #

    Auf jeden Fall ein guter Punkt!

  5. Tobias Lowen sagte am 6. Oktober 2009 #

    Stimmt schon, er hätte auch schlicht bitten können, die Frage auf Deutsch zu wiederholen. Da aber solch ein Vorgang, wie auch an dem Medienecho zu erkennen ist, ein Novum in Deutschland ist, sah er sich wohl gezwungen diese kurze Erklärung anzuhängen.

    Beispiel des französischen Rugby-Stars Chabal: http://www.dailymotion.com/video/x36qjg_chabal-question-en-anglais_fun

  6. pell sagte am 6. Oktober 2009 #

    Nein, als Novum lässt sich das nicht bezeichnen. Es kommt nicht selten vor, dass in Pressekonferenzen ausländische Fragen in der Landessprache beantwortet werden oder man um einen Dolmetscher bittet.

  7. Philipp M. W. Hoffmann sagte am 6. Oktober 2009 #

    Ein Novum war aber der konkrete Hinweis “in Deutschland doch bitte deutsch zu sprechen”. Und das aus dem Mund des potentiellen Außenministers.

  8. Philipp Luke sagte am 6. Oktober 2009 #

    “Guido Westerwelle ist aber zukünftig gewählter Vertreter des deutschen Volkes.”

    Ich denke doch, dass er jetzt schon gewählter Vertreter des Volkes ist. Und zwar als MdB (sowohl im neuen als auch im alten Bundestag). Bundesminister werden jedoch von niemandem gewählt, sondern “auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt und entlassen.” (Artikel 64)

  9. Tobias Lowen sagte am 6. Oktober 2009 #

    Das ist soweit schon richtig. Bezogen in diesem Fall auf den Posten des Außenministers, welcher wie der Name sagt, Deutschland nach Außen vertritt bzw. die Außenpolitik entscheidend mitgestaltet.

  10. pell sagte am 7. Oktober 2009 #

    Das stimmt, aber war das ein notwendiges Novum?


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