Die Presse

Sophiadesigns Blog

Internes & PMs · Sophiadesigns Blog · In der Presse

Wie Pre/Post-Release Modelle sich rechtfertigen müßen, oder: der neue Preis der Unterhaltung II.

Ich beziehe mich bei diesem Artikel zum einen auf die Pre/Post-Release-Modell Vorstellung aus dem Wiki der Piratenpartei, zum Anderen auf meine persönlichen Erfahrungen, was die Zahlungsbereitschaft potenzieller und aktiver Kunden angeht.

Zum ersten Teil: der neue Preis der Unterhaltung am Beispiel der aktuellen Jugendkulturen.

Hintergrund

Der Hintergrund dieses Artikels ist der schwelende Konflikt zwischen Netizens und Künstlern oder, im weiteren Sinne, ihrem Management. Dieser Konflikt wird momentan durch die Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Werken im Internet weiter angefacht. Die Entwicklung an sich ist nicht neu, wurde Kazaa, eine P2P-Software, immerhin schon 2001 released. 2004 wurde der erste Nutzer wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt, seitdem ist die Nutzung von P2P-Software im Hinblick auf illegales Material ein ständiges Spiel mit dem Feuer.

we-love-p2p

Legales File-Sharing?

File-Sharing ist grundsätzlich legal. Auch P2P ist grundsätzlich legal. Illegal wird es erst, wenn man die falschen Daten herunterlädt oder weiter verteilt. Insofern gäbe es hier kein Problem. Trotzdem wird schon seit längerem nach Alternativen gesucht, wie man P2P mit den nun mal prinzipiell spannenderen urheberrechtlich geschützten Dateien betreiben kann – denn dass das P2P-Modell an sich nicht schlecht ist, ist unstrittig.

1. Punkt: die Künstler müssen irgendwie entlohnt werden.

Die Forderung kreatives Schaffen generell gemeinfrei (hier z.B. in sinnvoller Verwendung) zu halten, ist meiner Meinung nach unrealistisch. Immerhin leben Menschen von ihrer kreativen Arbeit und das soll auch so bleiben. Dennoch ist es fragwürdig, ob in Zeiten des Internets hinter Künstlern wirklich noch teure Vertriebsapparate und hohe Spekulationskosten stehen müssen, oder ob die Qualität eines Künstlers sich nicht aus der Verbreitung selbst ergeben könnte.

2. Punkt: der Vertrieb von Werken muss überdacht werden.

Was heutzutage noch Unsummen kostet – Marketing, physischer Vertrieb, Casting und Talentsuche mit verbundenen hohen Spekulationskosten für die Firmen – das könnte in Zukunft das Internet übernehmen. Denn wie es so in der Natur der Sache liegt wird über das Internet schnell und effizient verbreitet. Allerdings nur das was gefällt. Was das Internet weiterhin übernehmen kann: die Auswahl dessen, was gut ist und was schlecht. Die Kosten eine Plattform zu betreiben, auf der 1000 Benutzer sagen können, was ihnen gefällt und was nicht ist im Vergleich zu den o.g. Punkten relativ niedrig.

3. Punkt: der Verkauf muss Schritt halten mit der Verbreitung.

Wenn ein Künstler seine Werke online veröffentlicht, im Idealfall so lizensiert, dass die Verbreitung gestattet ist, dann gibt er das Schwert aus der Hand. Dann geht ihm, wenn das Werk ankommt, jede Menge Geld durch die Lappen. Dazu muss man sich nur mal angucken, was die Top-Youtube-Channels heute schon für Besucherzahlen haben.

4. Im Ergebnis: wie stellt man beide Seiten zufrieden?

Um für die Nutzer einen Mehrwert gegenüber Ladenkäufen zu schaffen, müssen also flexiblere Verkaufs- und Vertriebsmodelle her. Daran versuchen sich im Moment eine Menge Menschen. Früher oder später stellt jeder wahrscheinlich fest:

  1. Werke, die komplett umsonst sind, will niemand,
  2. Werke, die ganz gut sind und auf freiwilliger Basis bezahlt werden können, bringen kein Geld,
  3. Werke zu verkaufen bringt nicht den gewünschten Erfolg, da die User am Ende nichts in der Hand haben (=kein Mehrwert gegenüber Ladenkäufen)

Was tut also der findige Unternehmer? Richtig: er entwickelt ein Modell, nach dem Werke erst dann Umsatz generieren, wenn sie zunehmend nachgefragt werden. Das heißt, dass der User Werke solange umsonst beziehen kann, bis die Werke eine gewisse Mainstream-Qualität erreichen.

So werden die Vorteile des Internet ausgenutzt. Zum einen werden gute Werke durch die Empfehlungsstruktur des Internet verbreitet, zum anderen hat der Künstler die Möglichkeit Geld zu verdienen, “wenn sein Werk ankommt”.

Problemstellung künstliche Verknappung

Das klingt ja alles ganz gut – würden nicht zwei ganz wesentliche Probleme verbleiben: zum einen verdienen die Menschen hinter dem Künstler nichts oder deutlich weniger als durch Ladenverkäufe und die gute alte CD, zum zweiten müßte bei Pre/Post-Release Modellen sicher gestellt werden, dass die Künstler auch sicher entlohnt werden.

Zum ersten Problem will ich nicht kommen – das ist ein Streit, der schon von den Lobbyisten in Berlin und Brüssel genug forciert wird und im Moment z.B. über das Thema “Google verwertet unsere Inhalte, macht damit Geld (und gibt uns nichts ab!)” (auch hier, hier und besonders schön hier, allgemeines Genöle auf heise.de) dargestellt wird. Aber wie gesagt, darauf will ich hier nicht eingehen. Nur soviel: ich bin der Meinung, dass sich in Zukunft einiges an Gewinn umverteilen wird, und die entsprechenden Gruppen das nicht verhindern werden. Entweder man geht mit der Zeit oder man wird überholt.

Zum zweiten: hier steht man wieder vor einem sehr anfänglichen Problem: die größte Stärke des Internet ist gleichzeitig seine größte Schwäche (im Hinblick auf kommerziellen Vertrieb). Die Verbreitung ist zwar schön leicht, kann allerdings auch kaum kontrolliert werden.

Pre/Post-Release Modell à la Piratenpartei

Hier soll der Schaffende in der Pre-Release Phase unter Creative-Commons einen Teil seines Werkes publizieren und somit als Teaser für den Rest verwenden. Beispielhaft wird hier die Demo von einem Spiel genannt, ein Lied eines Albums oder ein Trailer eines Films. Dann bestimmt der Schaffende einen Gesamtpreis für das Werk, also z.B. 10.000€. Die Menschen, denen das Werk gefallen hat – beurteilt anhand des Teasers – können dann spenden. Kommt der Betrag von 10.000€ zusammen, wird das gesamte Werk freigegeben – unter Creative-Commons. Kommt der Betrag nicht zusammen, kann der Schaffende seine Ansprüche senken oder das Werk weiter teasern. In der Post-Release Phase wird dann eine allgemeine Spendenfunktion freigeschaltet, die es ermöglichen soll seine Zufriedenheit mit dem Werk auszudrücken.

Bewertung: Die Idee an sich ist nicht schlecht, geht allerdings grundsätzlich davon aus, dass der Mensch die Goldene Regel verinnerlicht hat und stets auch auf das Wohl des Anderen achtet. Selbst wenn dem so wäre, ist es wahrscheinlich, dass der Einzelne den Aufwand des Künstlers als Geringer einstuft, als er tatsächlich ist, und somit weniger gibt, als er eigentlich müßte.

Dennoch begegnet das Modell dem oben genannten Problem der unkontrollierbaren Verbreitung am Besten, indem es Produkte jederzeit unter CC lizensiert und verbreitet, sowie die Bezahlpflicht zu einer Bezahloption ummünzt.

Diese Modell müßte sich insofern hinsichtlich der Bezahlfreudigkeit für Werke rechtfertigen.

Kritik aus den Reihen der Piratenpartei

Kritik kommt auch aus den Reihen der Piraten. Herausstellen muss ich an dieser Stelle, dass es sich nicht um eine abschließende Parteiaussage, sondern nur um eine von vielen Ideen handelt.

Das Werbeproblem

Werke verkaufen sich in den seltensten Fällen von alleine, sondern leben oft erst durch exzessive Werbung auf. Die Weiterempfehlungsstruktur des Internet ist ein Idealfall, der nur eintritt, wenn Werke wirklich gut sind.

Das Trägheitsmoment-Problem

Auch Teil des Werbeproblems: niemand hat Lust, dauernd schlechte Werke zu durchforsten, bis er auf was Gutes stößt, um das dann zu kaufen. Ein nicht kleiner Teil der Bevölkerung will nur das konsumieren, was ihm vorgesetzt wird.

Das “Wenige-bezahlen-für-alle-Anderen”-Problem

S.o., Thema “Goldene Regel”. File-Sharing ist nicht nur populär, weil es unkompliziert ist, sondern auch weil es billig ist. Damit zusammen hängen die Probleme “hohe Angebotspreise”, “zu viele Angebote” und das Problem, dass man Leistung erst kriegt, wenn andere sich auch für das Produkt entschieden haben, also ein Problem der Abhängigkeit von anderen Menschen.

Das Targeting-Problem

Zielgruppen bei Internetverkäufen sind sehr unterschiedlich. Vom Greis, der generell allem misstraut was mit Geld-ausgeben im Internet zu tun hat, zum beschränkt-geschäftsfähigen Jugendlichen, der sich oft nicht für Internet-Bezahldienste registrieren kann und allem dazwischen. Während sich dieses Problem mit der Zeit relativieren könnte, müßte man trotzdem eine große Menge an Menschen, eine sehr heterogene Masse zudem, wenn man verschiedene Produkt-Arten und Kategorien verkaufen will, auf einer Plattform vereinen. Nicht unmöglich, s. youtube, aber zumindest sehr schwer.

Das Monopol-Problem

Was Produzenten heute noch zu ihrem Vorteil ausnutzen können, nämlich die künstliche Verknappung der Güter zum Zwecke der Preissteigerung, könnten in Zukunft die Verbraucher in ihrer Gesamtheit als Abnehmer gegen die Produzenten verwenden, um Preise zu drücken. Hat der Produzent erst keine Möglichkeit mehr seine Werke auf alternativen Wegen zu veröffentlichen und ist er erst auf die Veröffentlichung via Pre/Post-Release angewiesen, hat der Verbraucher eine deutliche größere Macht.

Weitere alternative Vergütungsmodelle in Kürze

Weitere alternative Vergütungsmodelle sind die GEMA2.0, Pre/Post-Release in Kombination mit anderen Modellen, die Kulturflatrate, Einbindung von DRM, alternative Künstlervergütung im Allgemeinen.

Resumé der Diskussion um alternative Vergütung

Das gravierendste Problem ist im Moment die unkontrollierbare Verbreitung im Internet, die sowohl der Musikindustrie, als auch der Politik, als auch Unternehmern Kopfzerbrechen bereitet. Die einen wollen dagegen an, z.B. mit Three-Strikes (aktuelles dazu hier und hier), die Zweiten sind relativ flexibel, je nach dem wer mehr zahlt. Unternehmer, die weitestgehend erkannt haben, dass dem Internet nur mit rechtsstaatlich fragwürdigen Gesetzen begegnet werden kann, suchen nach Möglichkeiten, Vergütungsmodelle in Vertriebsmodelle umzusetzen, die den modernen Strukturen Rechnung tragen.

Wer zuerst das perfekte Vertriebsmodell ertüftelt, mit dem sich Kultur weit, schnell, kostengünstig, effizient und mit win-win, sowohl für Verbraucher als auch für Künstler, verbreiten läßt, der hat gewonnen. Und zwar schnell und viel. Denn das was die Musik-Industrie im Moment nicht verdient ist nicht weg, es ist nur woanders.



Von in Blog am 24. September 2009 mit den Schlagwörtern: , , , , , , mit 2 Kommentaren »

  1. Silke Schümann sagte am 27. September 2009 #

    Wo spreche ich in meinem Artikel von einer generellen Forderung künstlerisches Schaffen gemeinfrei zu stellen. Ich beziehe mich auf Weke von Künstlern, die längst kalt und begraben sind, bei denen nicht einmal darum geht, dass die lieben Enkeles und Urenkeles auch noch von dem Schaffen des (Ur-)Opas / Oma Nutzen ‘nießen.

    50 Jahre nach dem Tod Kunst gemeinfrei zu stellen und es auch vor den Markenfuzzis zu schützen halte ich für eine Sinnvolle Forderung, denn Kunst wächst auf dem Boden der Künste.

  2. Philipp M. W. Hoffmann sagte am 27. September 2009 #

    Deshalb verlinkt ja auch nur das Wörtchen “gemeinfrei” zu dir und nicht der komplette Satz.


Name (erforderlich)
e-Mail (erforderlich)
URL (no no-follow)
Kommentar (erforderlich)
XHTML: Diese HTML-Tags dürfen Sie verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>