Die Presse

Sophiadesigns Blog

Internes & PMs · Sophiadesigns Blog · In der Presse

Ich bin A-Blogger, oder: warum die Piratenpartei gar keinen Erfolg haben kann.

Ein Gedanke: die Piratenpartei ist eine heterogene Masse von Nerds mit unterschiedlichsten Interessen. Ich unterstelle mal, dass sogar ein Teil der Unterstützer der Piratenpartei die Piratenpartei nur unterstützen, weil es sich um die Partei handelt, die ihre “Interessen” am Besten vertritt. Prominentes Beispiel: kino.to.

Wo faktisch Urherberrechte verletzt werden, wird auch am lautesten “Zensur-Gefahr!” geschrieen. Das wiederum lockt diejenigen, die dem Staat sowieso nur Schlechtes unterstellen wollen und an sich gar nicht bereit sind für politischen Diskurs (auch hier). Dazu kommen diejenigen Menschen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich etwas verändern wollen, und die ewigen Weltverbesserer, die außerhalb ihres Möglichkeiten und darüber hinaus verändern wollen.

Aber reicht es wirklich einfach nur einen Haufen Menschen zu versammeln, ein wiki aufzusetzen und die neue Basis-Demokratie auszurufen, in der Hinz-und-Kunz nicht nur mitmachen, sondern sogar Töne angeben können?

Nein, ich denke das reicht nicht. Und ich denke, dass die momentanen Strukturen der Piratenpartei ihr über Kurz oder Lang zum Verhängnis werden. Dazu muss man sich nur mal die Plakate in einigen Städten angucken. Ich frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre bundesweit zu koordinieren, was für Plakate aufgehängt werden, dann hätte man sich aussagenlose Phrasen wie “Die Gedanken sind frei” oder “Damit es Demokratie auch in der Zukunft gibt” wahrscheinlich geschenkt und auf die tatsächlichen Themen der Partei aufmerksam gemacht.

Klarmachen zum Ändern!

So, wie es jetzt geregelt wurde, fühlt sich jeder in der Partei zwar unheimlich geil, weil er Demokratie macht usw., aber die Außenwirkung ist erschreckend. Und zwar erschreckend erschreckend. Gerade in der internet-affinen, intellektuellen, wahlberechtigen Jugend wird häufig das Gegenteil vom Gewollten erreicht. Nicht jeder normale Mensch sieht ein Zensur-Gefahr, wenn Frau von der Leyen “doch nur KiPo sperren will”. Nicht jeder normale Mensch ist paranoid, was die Politiker da oben angeht.

Und das ist auch gut so, denn es schafft einen wichtigen Ausgleich zur in der Partei vorherrschenden Paranoia. Aber wenn es die Anhänger der Piratenpartei nicht schaffen, diesen Ausgleich als Ausgleich wahrzunehmen, sondern ihn abtun als Kritik dummer Offline-Menschen, dann wird die Piratenpartei scheitern. Und zwar grandios. An ihrer eigenen Arroganz und Ignoranz.

Und da ich die Piraten einzuschätzen vermag, gehe ich davon aus, dass die Piratenpartei scheitern wird. Die zwei Hauptgründe sind zum Einen der oben genannte, zum Zweiten die Tatsache, dass die Piratenpartei zu schnell wächst. Bis heute siebt-größte deutsche Partei hat sie diesen Meilenstein innerhalb weniger Monate erreicht. In der Öffentlichkeit war die Piratenpartei bis 2009 nun mal nicht existent, auch wenn sie gerade 3 Jahre alt geworden ist und auch international stark vertreten ist.

Wie kann zu schnelles Wachstum schädlich sein? Nun, die meisten Menschen, die Piraten werden, hatten vorher aus Politikverdrossenheit einfach nichts mit Politik zu tun. Und werden durch die wunderbare Mitmach-Partei ins kalte Wasser geschmissen. Sie haben keine Erfahrung, sie sind naiv (s. Interview mit JF) und sie sind arrogant, weil sie die eigene Position für die einzig richtige halten und andere politische Kräfte zum Selbstzweck gar nicht wahrnehmen können dürfen.

Dabei ist die Piratenpartei mit ihren Zielen nicht per se schlecht. Sie vertritt bedingungslos den Geist einer Generation (Feminismus sei gar nicht nötig in der Partei). Aber “bedingungslos” ist nun mal das problematische Wort und das haben die meisten Piraten noch nicht verstanden. Denn bedingungslose Politik in einer Demokratie gibt es nicht und wird es nie geben. Demokratie lebt von Kompromissbereitschaft.

Wähle Piraten!

Wenn die Piraten das nicht schnell lernen – und ich persönlich gehe nicht davon aus, dass sie es lernen – dann werden sie scheitern. Denn die Medien zeigen, dass die Piratenpartei die wichtigen Ansätze nicht alleine vertritt, sondern nur die einzige ist, die sie ausschließlich vertritt. Aber das schnelle Wachstum der Piraten hat im Zweifel den anderen Parteien gezeigt, wie wichtig vielen Menschen der von den Piraten vertretene Grundsatz der freien Informationen (um es mal auf das Wesentliche herunterzubrechen) ist, und sie teilen diesen Themen eine höhere Priorität zu.

Nochmal die drei Punkte, warum die Piraten aus meiner Sicht langfristig jämmerlich scheitern werden:

  • momentane Ach-so-tolle Mitmach-Struktur, die irgendwie nur unkoordiniert wirkt,
  • keine Bereitschaft für politischen Diskurs, tendentiell geringe Kompromissbereitschaft,
  • politische Entwicklung der Partei wird mit dem demografischen Wachstum nicht Schritt halten können.

Unter Würdigung dieser Umstände kann ich mir fast nicht vorstellen, dass jemand zu einem anderen Ergebnis kommen kann, als dass die Piraten scheitern. Ach ja, ich bin A-Blogger, weil ich die Piraten kritisiere und ein Macbook besitze. Der Rest ist glaube ich irrelevant.



Von in Blog am 18. September 2009 mit den Schlagwörtern: , , , , mit 7 Kommentaren »

  1. Boomel sagte am 18. September 2009 #

    * momentane Ach-so-tolle Mitmach-Struktur, die irgendwie nur unkoordiniert wirkt,

    Wirkt nur so , ist bestens organisiert – Danke an das Internet :)

    * keine Bereitschaft für politischen Diskurs, tendentiell geringe Kompromissbereitschaft,

    Das GG ist nicht zu verhandeln, politischer Diskurs ist unangebracht.

    * politische Entwicklung der Partei wird mit dem demografischen Wachstum nicht Schritt halten können.

    Sicher zeichnen viele ein s/w Schema sowohl Gegner als auch Piraten, dies wird aber von den etablierten bereits in Vollendung betrieben.
    Die Piraten leben von eurem mitmachen und für mich ist es unverständlich das man “scheitern” schreibt bevor es überhaupt richtig losgeht. Als Blogbetreiber gerade erst wenn man bedenkt wohin die Reise geht. Noch mehr Abmahnwahn, noch mehr Kontrolle und Zensur in Form von Rechtsvorschriften ergänzt mit der totalen Ausblendung einer geheimen Sperrliste?

    Manchmal frage ich mich woher die Gegner sich überhaupt ihre Zukunftsperspektiven nehmen können. Aber das wird sich in den nächsten Jahren schon zeigen.

    Hier nochmal für alle zur Erinnerung worum es eigentlich geht:

    http://wiki.piratenpartei.de/Bundestagswahl_2009/Wahlprogramm

  2. transnorm sagte am 18. September 2009 #

    Die Kritik ist nicht unberechtigt! Aber ich glaube das auch diese Partei lernen kann.
    Die mitmach Kultur die dem Organizing gleicht ist förderlich und schafft Wachstum. Ich bin aber davon überzeugt das sich genau das mit der geringen Kompromissbereitschaft konterkariert wenn es zur teilnahme an Entscheidungen kommt. Dann werden viele Depremiert austeigen weil sie ihren Kopf nicht durchsetzen konnten. Wenn man sich das Wahlprogramm anschaut kann man es teilweise auch mit den “grünen” Bürgerrechtsstandpunkten vergleichen. Das Problem
    ist das nicht jeder Pirat ein grüner ist! Ich bin gespannt wie die Piratenpartei ihre Meinungsfinden in den anderen gesellschaftlichen Bereichen treffen wird! Die Presse und auch die Mitglieder werden in den nächsten Jahren nämlich Richtungsentscheidungen verlangen und die werden unangenehm.

  3. Vanitas sagte am 18. September 2009 #

    Jeder hat mal klein angefangen… lassen wir uns einfach überraschen ;)

    V.

  4. Philipp M. W. Hoffmann sagte am 19. September 2009 #

    Vielen Dank für den guten Kommentar! Gerade den Vergleich zu den Grünen finde ich sehr treffend.

  5. Philipp M. W. Hoffmann sagte am 19. September 2009 #

    Da hast du recht. Und nicht falsch verstehen: ich bin Pirat, aber habe nun mal gerade so meine Zweifel ;)

  6. Philipp M. W. Hoffmann sagte am 19. September 2009 #

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Dass das GG nicht verhandelbar ist, ist ein guter Punkt. Auf der anderen Seite ist dir sicher klar, dass praktisch jedes Grundrecht (außer Art. I) mit der richtigen Rechtfertigung einschränkbar ist?

  7. XY sagte am 19. September 2009 #

    schon klar, aber auf das ausmaß kommt es doch an, s. zensur!


Name (erforderlich)
e-Mail (erforderlich)
URL (no no-follow)
Kommentar (erforderlich)
XHTML: Diese HTML-Tags dürfen Sie verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>