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Warum die Jugend von heute nicht nur system- konform ist, oder: der neue Preis der Unterhaltung.

Von der Jugend von heute heißt es, sie sei system-konform – und zwar ausschließlich. Das ist sicher nicht ganz falsch, denn das “Lernen”, die Angepasstheit als Schlüssel zum Erfolg wird von Grund auf eingeimpft. “Revolution lebt” – das war einmal.

revolution

Allerdings ist die Frage, ob damit schon alles gesagt ist – ob heute vielleicht auch eine Revolution statt findet, aber weniger von der Gesellschaft, als mehr von der Wirtschaft beachtet. Während die ’68er gesellschaftliche Tabus brachen und die 80er-Jahre Generationen gegen ihre eigenen Orientierungslosigkeit kämpften, bricht die heutige Jugend Vorgaben nicht an der Oberfläche, sie sorgt nicht für einen medial-sichtbaren Wandel, wie es einst Woodstock oder Madonna taten.

Der Wert von Unterhaltung

Unterhaltung ist billiger geworden. Das liegt in erster Linie am web2.0. Dass ich diesen Hammer hier auspacke, mag einigen vielleicht ausgelutscht vorkommen, andere mag der Begriff web2.0 einfach nur stören, weil er etwas beschreibt, was längst nicht mehr nur 2.0, sondern vielleicht schon weiter ist.

Trotzdem ist das web2.0 zum Ausdruck einer ganzen Generation geworden. Dabei will ich nicht sagen, dass nur die jetzige Jugend mit dem web2.0 lebt, dass es sich hier um etwas handelt, auf das sonst niemand Zugriff hat – so eine Behauptung wäre unsinnig und würde dem Begriff auch widersprechen.

Nein, ich will sagen, dass es eine Generation von Menschen gibt, die nichts anderes als web2.0 kennen. Die daraus resultierend eine andere Vorstellung über den Wert von Unterhaltung haben als Generationen vor ihr.

Doch wie kann sich der Wert von Unterhaltung bemessen? Ich habe mir dafür eine Formel zurecht gelegt, die per se nicht revolutionär oder besonders spannend ist – an der ich für mich persönlich aber messen kann, ob eine bestimmte Veranstaltung oder Aktivität es mir im Vergleich zu anderen Aktivitäten wert ist in sie zu investieren.

Beispiele:

Kino kostet 8€. Der Film geht 2 Stunden. Also zahle ich pro Stunde Unterhaltung 4€. Ich kann den Film einmal sehen, nicht pausieren, nicht vor- oder zurück spulen, darf ihn nicht für den privaten Gebrauch aufnehmen, muss ruhig sein, für bessere Plätze mehr bezahlen usw.

1 Monat World of Warcraft kostet 12€. Spielen kann ich soviel ich will, wann ich will. Wenn ich im Monat nur 30 Stunden spiele – was für WoW-Spieler wenig wäre – würde ich nur 40 Cent für die Stunde Unterhaltung zahlen.

Eine DVD bei Amazon kostet 8€. Ohne alles. Hülle und DVD. Das was ich brauch, wenn ich einen Film gucken will. Ich kann den Film so oft gucken wie ich will, ihn anderen Menschen zeigen. Sagen wir mal gnädige 1€ Wert / Unterhaltungsstunde.

PC-Spiele mit gutem Multiplayer oder hohem Wiederspielwert kostet 50€. 25 Stunden Spielzeit, was wiederum wenig ist, wenn die vorgenannten Merkmale gegeben sind: 2€ / Unterhaltungsstunde.

Und jetzt der Hammer: youtube gucken kostet keinen Cent. Auf youtube findet sich vornehmlich user-generated-content, also Material, das Menschen einfach nur zum Selbstzweck zur Verfügung stellen. Weiterhin findet sich Teaser-Material von Firmen, die hoffen, damit ihre Reichweite zu erhöhen. Unterhaltungswert / Stunde evident.

Nachteil der Rechnung: web2.0 begünstigt auch die Urheberrechtsverletzung. Urheberrecht gilt nun mal – auch im Internet. Trotzdem kostet mich kino.to kein Geld – nur erhöhtes Risiko.

Was bedeutet das für die Mentalität gegenüber Kulturgütern wie es so schön von denjenigen heißt, die gerne den status-quo erhalten würden, oder Content, wie man es geläufigerweise im web2.0 nennt?

Einfach ausgedrückt: er ist weniger wert.

Das mag denjenigen sauer aufstoßen, die nun mal daran verdienen, dass Leute für Unterhaltung was bezahlen und damit auch die Zwischenhändler bezahlen. Trotzdem ist die Entwicklung da und sie läßt sich kaum aufhalten, wie man am aktuellen Beispiel “The Pirate Bay” sieht.

Die Revolution findet statt – sie ist nur nicht medienwirksam

Und so findet doch eine stille Revolution statt. Der moderne Mensch, die aktuellen Jugendkulturen, so unterschiedlich und vielfältig sie auch sein mögen, eins vereint sie alle: der Hang zum Umsonst-Content, oder weniger drastisch: die Bereitschaft einfach weniger zu bezahlen für das was man kriegt. Denn das Internet – und das wissen diese Menschen – bietet die Möglichkeit ohne dicke Margen für die Zwischenhändler, dem Künstler trotzdem seinen gerechten Lohn zukommen zu lassen.

Wer nicht so ganz im Thema drin ist, wird das folgende Zitat vielleicht aufschlußreich finden (Quelle: freidenker-blog via kult-werk.de)

Bislang hat die Gema gesagt, sie berechne 17 Prozent Bearbeitungsgebühr, der Rest ginge an die Künstler, deren Rechte sie vertritt. Demnach müssten 83 Prozent ausgeschüttet werden.
Da ich selbst bei meinen Auftritten überwiegend eigene Lieder singe, müsste ich mindestens die Hälfte dessen, was eingezahlt wird für meine Konzerte, abzüglich Bearbeitungsgebühren, zurückerstattet bekommen. Bei Gema-Gebühren von über 65.000 Euro, die die Gema in den Jahren 2004 bis 2007 allein für meine Konzerte berechnet hat, wären das mindestens 27.000 Euro gewesen – eine einfache Rechnung. Davon bekommen habe ich aber nur rund 5.000 Euro, was auf einem besonderen Verrechnungsschlüssel und den Ausschüttungsrichtlinien der Gema beruht.

Zur Erläuterung: dem Künstler vorgeschaltet sind Produzenten, Plattenfirmen, Vertriebsfirmen, Manager, die alle am Kuchen mitessen wollen.

Darum geht’s im Grunde. Eine gerechte Entlohnung der Künstler ist durch das Internet möglich, allerdings verdienen dann bestimmte Gruppen weniger und da wird’s dann auch schon zappenduster für Argumentation, Innovation, blabla.

So wird ein stiller Kampf ausgefochten zwischen der Bereitschaft weniger zu zahlen (und das gleiche zu kriegen oder sich zu nehmen, s. erneut Pirate-Bay als ein Beispiel unter vielen, angefangen mit Kazaa) und den wirtschaftlichen Interessen der großen Konzerne und Verwertungsgesellschaften.

Das könnte die Revolution der Jugend von heute sein: die Reformation des Urheberrechts, die Modernisierung selbigens, die Entwicklung neuer Modelle zur gerechten Entlohnung aller Beteiligten, die Innovation im Bereich des Vertriebs – einfach weil der gesellschaftliche Bedarf da ist und sich nicht bremsen läßt.

Noch wird dieser Kampf kaum wahrgenommen, weil er nicht in den etablierten Massen-Medien ausgetragen wird, er wird nicht zur Schau gestellt wie die Kämpfe früherer Generationen im Medium für Jung und Alt, dem Fernsehen, sondern er wird ausgetragen in einem Medium, dessen Tiefe und Vielfältigkeit dem größten Teil der Gesellschaft noch gar nicht bewußt ist.

Die Revolution könnte publik werden

Doch es gibt Anzeichen, dass sich die Revolution ihren Weg in die Massen-Medien bahnt – immer mehr Menschen werden aufmerksam auf diese Umbrüche die sich im Internet abzuzeichnen beginnen, und sei es nur, weil sie als Teil dieser Bewegung aufgewachsen sind und ihre Vorstellungen jetzt in die Gesellschaft tragen, in der sie sich befinden.

Desweiteren formiert sich eine politische Bewegung, die Piratenpartei, motiviert wiederum durch ein internationales Phänomen, welches wiederum auf dem Prozess rund um Pirate-Bay basiert.

Auch die Mobilmachung von Seiten der Wirtschaft, zunächst zu Ungunsten der Internet-Community, trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die Medien zu interessieren beginnen für das, was da im teilweise noch so ominösen, hoch-dynamischen, schnell-lebigen und darum so wenig greifbaren Medium Internet passiert.

Die Chancen steigen also, dass sich die Gesellschaft auf breiter Ebene damit beschäftigt, was die Jugend von heute beschäftigt und warum sie vielleicht doch nicht so system-konform ist wie vormals angenommen.

Viva la revolución!

Disclaimer: Natürlich verwendet hier niemand kino.to, ich habe nur davon gehört, dass es sowas gibt.



Von in Blog am 25. August 2009 mit den Schlagwörtern: , , , mit 3 Kommentaren »

  1. Tom sagte am 26. August 2009 #

    Den Vergleich mit dem Kino finde ich nicht gut. Im Kino zahlst du nicht nur für den Film, sondern auch dafür, den Film mit dickem Sound auf einer Großleinwand und neuerdings auch in 3D sehen zu können. Die Großleinwand alleine ist ein Mehrwert, den mir das Heimkino nicht bieten kann und für den ich auch bereit bin zu bezahlen. Dass man im Kino still sein sollte, empfinde ich dabei übrigens nicht als Nachteil, sondern als selbstverständlich. Dass ich weniger ins Kino gehe, liegt zumindest bei mir nicht daran, dass ich die Filme auch im Internet bekommen kann, sondern an den nervigen Menschen, die das Kinoerlebnis versauen.

    Ich glaube übrigens nicht, dass sich die Wahrnehmung für den Wert von Kulturgüter verringert hat. Es ist vielmehr die Art der Wertschätzung, die sich verändert und sich nun nicht mehr durch Kaufen alleine ausdrückt.

  2. Philipp M. W. Hoffmann sagte am 26. August 2009 #

    Ja, aber was bedeutet die Änderung der Wertschätzung für den Preis, den man bereits ist zu zahlen?

  3. Pell D. sagte am 28. August 2009 #

    Ich glaube, man kann auch einen Schritt weitergehen und sagen, dass durch die grenzenlose Auswahl durch kostenlose Plattformen auch die Kunst in der kulturellen Bedeutung, völlig abseits der Wirtschaft, an “Wert” abgenommen hat. Dabei ist der Begriff “Wert” sehr vieldeutig, vor allem aber sehr belastet.

    Mir wurde mal zum Thema Musikwahrnehmung folgendes Buch näher empfohlen und ich denke, es ist auch eine sehr interessante Lektüre: http://www.amazon.de/Musikpsychologie-neue-Handbuch-Herbert-Bruhn/dp/3499556618/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1230659040&sr=1-3


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